Mieschers Traum
Theaterstück von Gerhard Meister mit Friedrich Miescher-Rüsch als Hauptfigur

Herr Meister wurde für dieses Stück bei den 2. Autoren(theater)Tagen am Saarländischen Staatstheater mit dem zweiten Preis ausgezeichnet und hat ebenfalls in Bern einen Preis dafür erhalten.

10. April 2005 Gastspiel am Stadttheater Basel (kleine Bühne)
Weitere Aufführungen:
2003 am Winkelwiesentheater in Zürich
2004 in der Tuchlaube Aarau, im Schlachthaustheater Bern und am
Saarländischen Staatstheater

22. September 2003, Neue Zürcher Zeitung  
«Mieschers Traum»
von Gerhard Meister uraufgeführt
Herzen in Atemnot

Der Arzt, der dank steifem Kragen Halt und Haltung findet; der haltlos in den weichen Morgenmantel festgebundene Wissenschafter und die Krankenschwester, der die Lebenslustigkeit nachhaltig aus den Augen hüpft - drei Figuren, konserviert im Namen der Wissenschaft auf einer fernen Fotografie. Da erlöst sie ein Blitzlicht und löst sie vom Vergessen. Die Erhellung zünden Gerhard Meister, der Berner Autor und hälftige Teil des Post-Dada-Duos «Geholten Stühle», Till Fiegenbaum, ehemals Regieassistent am Schauspielhaus, und Duri Bischoff, der für die Bühne verantwortlich zeichnet: endlos hohe, zwecklos leere Regale im Kellergewölbe der Winkelwiese.

Mit der Unterstützung von Meister, Fiegenbaum und Bischoff verlassen drei historische Figuren das 19. Jahrhundert und ein Lungensanatorium in Davos und eröffnen die Saison im Theater an der Winkelwiese: der Tuberkulose- Arzt Turban, der Basler Physiologe Friedrich Miescher und die junge Anna. Meister führt sie uns vor und phantasiert ihre Lebensgeschichte in 20 kurzen Szenen weiter; «Mieschers Traum», ein Ergebnis des Förderprogramms «Dramenprozessor», hatte schon bei einer szenischen Lesung Interesse geweckt. Das Resultat nun übertrifft diese Erwartungen noch: Meisters Fiebertraum- Spiel ist eine elegante, stilsichere, sprachmächtige und poetische Form von Wissenschaftskritik und eine feinsinnige Motivforschung über Wissenschaftsgläubigkeit und Erlöser-Phantasien. Dass sie überdies an einen (glücklosen) Schweizer Pionier der Genforschung erinnert, ist ein weiteres schönes Nebenprodukt.

Hoffnung hat sie im Lungensanatorium zusammengeführt: Anna (Lara Körte) glaubt an die Erlösung und Erhebung durch die Liebe - in Davos soll sie auf ihre Ehe warten und den Aufstieg in der Gesellschaft; Turban (Ingo Ospelt) glaubt daran, dass Tuberkulose heilbar sei, er selbst ist durch eigne Disziplin genesen - und ist von Mieschers fehlender Kooperation entsprechend enttäuscht; Miescher (Ernst C. Sigrist), der sich im Labor die Gesundheit ruiniert hat mit mangelhafter Ernährung, wenig Schlaf, chemischen Dämpfen, glaubt an die Bedeutung der Wissenschaft, an das Analysieren, Sezieren, Katalogisieren: die Vernunft - am Leben hält ihn die Hoffnung, schnellstmöglich wieder nach Basel und zu seiner Arbeit zurückzukehren. Als die Prognosen schlechter werden, er 1895 die Leitung des Physiologischen Instituts aufzugeben gezwungen ist, bricht sein Lebensmut. Miescher ist jetzt nicht mehr Professor Miescher, sondern nur noch Mensch Miescher oder ganz einfach Fritz. Und dieser erlebt in seinen Träumen - hier ist sich der Autor sprachlich am nächsten -, was zu leben er sich versagt hatte: die Geschlechtlichkeit. Sein Tod führt auch seine Umgebung in eine Krise; Anna sieht einen Ungläubigen sterben und sich selbst in ihrer Glaubensfestigkeit erschüttert, und Turban ist mit seiner Selbstüberhebung konfrontiert. Das letzte Wort in Davos, auf dem Berg, auf dem keiner zaubern kann, hat die Unvernunft, hat der Tod.

Drei Menschen im gemeinsamen Exil, das ihnen die Krankheit aufgezwungen hat. Doch sie ist nicht die Krankheit der Lunge, sondern eine Krankheit des Herzens, das mit ungestillter Sehnsucht leben soll. Sigrist, der Wissenschafter (Theoretiker), der im Tod Mensch (Praktiker) werden muss, spielt seine plötzliche Nacktheit klein und leise; Ospelt, der Arzt, ist der Unbeirrbare, laut verzweifelt und doch nicht weniger gebrochen - während Körte den klaren Blick der Jugend hat, ihr Glaubenskonstrukt erkennt und ihrem Leben nach Mieschers Tod eine Wende geben wird. Die drei gleichen dem Sternbild des Sommerdreiecks, das am Südhimmel zu sehen ist, wenn Miescher Anna den Himmel erklärt. Im Kosmos (Nuklein) eingeschrieben ist zwar - wie Miescher vor anderen Wissenschaftern ahnte -, ob einer «eine krumme Nase hat»; ob sich einer aber am Ende seines Lebens sagen muss, krumm, falsch gelebt zu haben, das steht in den Sternen nicht und auch nicht im klügsten Buch. - Auf der Bühne sind die Regale und Tablare für das Lebenswichtige auch nach «Mieschers Traum» noch leer. Meister hat uns vorgeschlagen, das Buch der Träume dorthin zu stellen; geträumt werden aber muss es selber.

Daniele Muscionico

Zürich, Theater an der Winkelwiese, bis 18. Oktober.

Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter: http://www.nzz.ch/2003/09/22/zh/page-article940ZF.html
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG

siehe auch: Gerhard Meister, Mieschers Traum, in "Theater Theater, Aktuelle Stücke 13",pp 287,Uwe B. Carstensen [Herausgeber] und Stefanie von Lieven [Herausgeberin]im Fischer Taschenbuch Verlag, Dezember 2003. ISBN 3-596-16027-8

 

[Home] [neu: Mieschers Traum] [zum Autor] [Friedrich Miescher-His] [Familientag 2002] [Nachkommen] [Live Links]